Hallo Ihr lieben ALLE,
endlich, endlich…

Helga in Tagesstätte

Ich weiß ich bin längst überfällig mit einem Bericht, wie es in Südafrika eigentlich läuft aber es ist gar nicht einfach überhaupt einen Anfang zu finden, geschweige fertig zu schreiben.
Seit 3 Wochen bin ich nun schon wieder in Südafrika, von März bis Juni 2022 bin ich bereits hier gewesen aber konnte nicht alles erledigen, was es zu erledigen gab. Kurz vor Ostern hatten wir schreckliche Unwetter, tagelang Regen wie aus Eimern und dadurch gab es viele Überschwemmungen. Kleine Bäche wurden zu reißenden Flüssen, Häuser wurden weggespült, Straßen und Brücken wurden unterspült und stürzten ein. Es gab Hunderte von Toten und bis heute werden noch viele Menschen vermisst.
Hauptsächlich betroffen war KZN, Kwazulu-Natal, unser Gebiet. Das hat es in dieser Region in diesem Ausmaß noch nie gegeben. Unsere Tagesstätten und die Schule blieben, Gott sei Dank, bis auf viel Schlamm verschont, denn sie sind etwas erhöht gebaut. Aber schon diese Aufräumarbeiten haben uns um Wochen zurück geworfen.
Auch jetzt spielt das Wetter wieder Kapriolen. An einem Tag bis 39 Grad, am nächsten gerade mal 15 Grad und oft Regen und kräftige Gewitter. Fast täglich zieht dann am Nachmittag Nebel auf, der so dicht wird, dass man kaum die Hand vor Augen sieht, geschweige die vielen “potholes“, kreisrunde Schlaglöcher auf Straßen und Wegen. Da hat man ganz schnell einen Platten
gefahren, ist mir auch schon passiert.

Nun kam ich 3 Monate später wieder und es gibt nun viele andere Probleme. Alles ist sehr teuer geworden und die Armut und die Kriminalität nehmen bedrohlich zu. Die Pandemie hat viele arbeitslos werden lassen und keine Arbeit bedeutet kein Geld, also keine Lebensmittel. Staatliche Unterstützung für Arbeitslose oder Unterstützung für Geschäfte in Not, wie sie es in Deutschland während der Pandemie gab, gibt es in Südafrika keine.
Die Eltern der Kinder erhalten von dem Staat, wenn sie für ihr Kind eine Geburtsurkunde vorweisen können, monatlich 320 Rand Kindergeld (ca 20 Euro). Davon sollten eigentlich 50 Rand (3 Euro) an unsere Tagesstätte für Betreuung, tägliches Frühstück, ein warmes Mittagessen und Transportkosten ausgegeben werden. Aber selbst das ist den meisten nicht möglich und das Geld muss jetzt fast vollständig für Nahrungsmittel ausgegeben werden.

Der Sinn ist, dass wenn ich mal nicht mehr genug Spenden bekomme oder auch selbst nicht mehr kommen kann, sich die Tagesstätte alleine trägt.
EKUKHANYENI zahlt den Gehalt für 6 Betreuerinnen, eine Köchin, das Benzin für einen Fahrer für morgens und nachmittags, damit die entferntesten Kinder auch sicher ankommen.

Zur Zeit haben wir 90 Kinder, vom Säugling bis 6 Jahren und eine lange Warteliste aber mehr geht platz mäßig nicht. Wir planen einen 6m x 6m großen Container als zusätzlichen Raum anzubauen.
Ein “Handyman“, der Reparaturarbeiten ausführt und den Platz in Ordnung hält, wird auch von uns bezahlt. Trotz vorhandenem Stromanschluss brauchen wir nun teure Gasflaschen um einen Generator zu betreiben, da in Südafrika das Energie sparen folgendermaßen stattfindet: 2 x 4 Std oder 3 x 2 wird täglich zu den unmöglichsten Zeiten der Strom im ganzen Land abgeschaltet. Dann funktioniert weder Internet, noch Handy, keine Ampeln, selbst die Geschäfte sind dunkel, Kartenzahlung geht nicht, kurz: es funktioniert nix
mehr.

Das ist auch ein Grund warum ich jetzt erst schreibe, denn wenn der Strom zurück kommt, kann man nicht alles stehen und liegen lassen und vor dem Laptop sitzen, da haben andere Arbeiten Vorrang. Um 17:30 Uhr ist es hier stockdunkel, dann sollte man nicht mehr auf der Straße, bzw unterwegs sein. Bis dahin muss ich alles erledigt haben. Sehr oft liege ich auch schon um 19 oder 20 Uhr im Bett und verschlafe das „loadshedding“, wie es genannt wird. Das ist die dritte Welt, Afrika, sowas könnt Ihr Euch in der ersten Welt gar nicht vorstellen.

Die Betreuerinnen verlangten am letzten Zahltag auch für die Zukunft mehr Geld, weil die Preise der Lebensmittel so sehr gestiegen sind. Das weiß ich, aber ich argumentiere vorsichtig, denn auch in Deutschland und überall ist auch alles teurer geworden und was ist, wenn ich nicht mehr genug Spendengelder bekomme..? Ich versuche Ihnen die Konzepte „sparen“ und „einteilen“ zu erklären. Die ganze Welt steht Kopf, dann der Krieg in der Ukraine, die Pandemie usw, wir müssen alle sparen.

Gleichzeitig aber brauchen wir einen größeren 2.500 Liter Wassertank, einen neuen Container als zusätzlichen Klassenraum, das langersehnte Jungle Gym (Abenteuer Spielplatz zum Klettern etc…)- und wir haben nur 2 Toiletten… was hat nun Priorität? Alles nicht so einfach.
Die Lehrer unserer Schule baten mich auch um Hilfe, da sie sich im September und Oktober. nur 350 Rand auszahlen konnten, normal sind es 1.500 Rand. Es ist ja eine Privatschule wo jedes Kind im Jahr 1.600 Rand (ca 100 Euro) in monatlichen Raten abgezahlt. So trägt sich die Schule bei aktuell 125 Kindern
selbst! In den Regierungsschulen bleiben die Lehrer einfach zu Hause, wenn es zu heiß oder zu kalt ist oder regnet. Die Kinder haben dann unter Umständen einen 2 stündigen, gefährlichen Schulweg hinter sich und es findet kein Unterricht statt. Außerdem haben die Regierungsschulen ein schlechtes Bildungsniveau…

Der Preisanstieg von allem lebenswichtigem steht in keiner Relation zu den ohnehin schon geringen Durchschnittslöhnen:
Der Dieselpreis hat sich verdoppelt, ich konnte damals für 800 Rand volltanken, jetzt für 1.600 Rand (mehr als das Monatsgehalt eines Lehrers!)
– 5 l Speiseöl gleicht ¼ Monatsgehalt
– Gasflasche ½ Monatsgehalt
– …
Ja, dann haben wir ja noch unsere Studenten, die mir eigentlich viel Freude machen, wenn sie jetzt auch noch bald einen Job bekommen. Drei von ihnen haben erfolgreich graduiert und sind mit Recht stolz auf ihre Leistungen! Alles hat durch die Pandemie fast 2 Jahre länger gedauert, da Unis geschlossen waren und/oder Computer oder Laptops nicht genügend vorhanden waren…

Diese Tage rief mich zB ein Student an, der dringend ein paar aufbauende und motivierende Worte brauchte. Er studierte seit 5 Jahren in der Nähe von Jo`burg und wartet jetzt dringend auf einen Praktikumsplatz. Das ist Pflicht nach dem Studium, er wird aber auch bezahlt. Nun muss er aber Bewerbungen schreiben und warten; die Geduld fehlt ihm aber, was ich vollkommen verstehen kann. Er hat Elektro-Ingenieur studiert und die Welt steht ihm hoffentlich offen.
2 Lehrerinnen, eine Krankenschwester und eine Agri Culture (Landwirtin) warten auf die Endergebnisse und dann auf ihre Graduation. Es ist äußerst spannend, wie sich die Zukunft für all diese Studenten entwickelt. Sie alle hätten ohne unsere Hilfe absolut keine Chance auf ein Studium gehabt.

Was mich persönlich betrifft, bin ich nun das 7te mal umgezogen. Durch die Pandemie, wo ich fast 2 Jahre nicht vor Ort war, konnte mein Farmer, wo ich ein Cottage bewohnte, an Praktikanten vermieten, hätte ich nicht meine Prütteln stehen und liegen lassen müssen, als ich fluchtartig das letzte Flugzeug vor dem lock-down in SA 2020 erreichen musste. Nun werde ich auch in Zukunft nicht mehr 10 Monate am Stück hier sein, sondern 2 mal im Jahr für 3 Monate, dann werde ich auch kein teures und zeitaufwendiges Visum mehr für 3 Jahre beantragen müssen. Da ich in Deutschland ja jetzt auch eine Wohnung habe (die 10 Jahre vorher hatte ich nur ein Zimmer, wo ich Dezember und Januar unterkam), kann ich nicht an 2 Stellen das ganze Jahr Miete zahlen, wenn ich nur zur Hälfte da bin. In den knapp 2 Jahren, in denen ich von Deutschland aus agiert habe, hat sich nun herausgestellt, auf wen ich mich hier verlassen kann und dass ich nicht ständig hier vor Ort sein muss. Das ist ja eigentlich auch so gedacht gewesen: Hilfe zur Selbsthilfe – ! Aber Kontrolle ist notwendig.

Ich habe ein Zimmer im Kloster Montebello angeboten bekommen und lebe jetzt mit ganz vielen, nur schwarzen Nonnen zusammen. Eine Nonne, Sister Valentine, hat zum Beispiel dafür gesorgt, dass die 13 Studenten pünktlich ihre Studiengebühr, Miete und das Geld für Lebensmittel bekamen. Sie hat gut mit dem Geschäftsinhaber, dem ich das Geld überwiesen habe, zusammengearbeitet. Dadurch entstand der Kontakt und sie erfuhren von meiner Notlage. Sie sind unheimlich lieb, verwöhnen mich mit Essen egal wann ich heimkomme. Allerdings stehe ich auch unter ständiger Bewachung, was sehr gewöhnungsbedürftig ist.

Mein Auto ist mir auch treu geblieben und fährt mich mit stets vollem Kofferraum auch durch die dicksten Gravelroads zu den entlegensten Stellen, dem KUYASA – Creche, der mit 31 Kindern auch nach wie vor noch von uns unterhalten wird. So, jetzt mache ich erstmal Schluss. Heute ist ein sonniger Frühlingstag, bis jetzt kein “loadsheddding“, also schnell diese Mail versenden.
Bei irgendwelchen Fragen bitte helga@josche.de verwenden und ich werde so schnell wie möglich antworten!

Mit liebsten Grüßen
Eure Afrika-Helga

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