Über Platzmangel im neuen Creche, eine glückliche Fügung und große Trauerfälle

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Es wird höchste Zeit, dass ich mal wieder berichte, was sich hier in Afrika so tut bzw. getan hat, seitdem ich wieder hier bin…

Die Zeit rinnt mir wie Sand durch die Finger und ehe ich mich versehe, ist schon wieder ein Monat um. Bei meinem Deutschland-Aufenthalt habe ich ja ausführlich über alle Aktivitäten berichtet und nun sieht es folgendermaßen aus.

Mit dem Jahr 2016 ging hier in Afrika eine sehr nervenaufreibend, aber höchst interessante Zeit zu Ende. Denn wir hatten das bisher größte Projekt für unseren Verein – den Neubau eines Kindergartens auf einem eigenen Grundstück – erfolgreich abgeschlossen. So freute ich mich auf eine ruhigere, besinnliche Weihnachtszeit in Deutschland gefreut. Doch ich hatte mich getäuscht. So wie der Verein Ekukhanyeni wächst (Gott sei Dank!), so wachsen auch meine Aufgaben in Deutschland: Info-Abende, Interviews mit Zeitung und Radio, die über unsere Projekte berichten wollen, und liebe Spender, die mich persönlich kennenlernen wollen – und ich sie. Zu vielen Kaffeekränzchen wurde ich geladen, bei denen mein Kaffee regelmäßig kalt wurde, vor lauter Erzählen. Ende Januar kommen dann die ersten Whatsapps von den Betreuerinnen und Studenten: „Where are you, we miss you, we love you …“ Was alles soviel heißt wie: kein Geld mehr da, kein Essen mehr da… Und eine schrieb sogar: „Please come back, we are nothing without you.“

Das macht mir den Abschied von Deutschland dann etwas leichter. Ja und dann wurde ich freudig begrüßt und von einem Tag auf den anderen bin ich wieder mittendrin und 1.000 Probleme aber auch Freuden stürmen auf mich ein.

Der Oswathini-Neubau war schon wunderbar hergerichtet, sauber, mit gemalten Bildern an den Wänden, und die beiden Betreuerinnen strahlten über das ganze Gesicht. Aber, ich habe für 30 Kinder, die sich vorher auf 15 qm drängten, geplant und gebaut. Nun hat der eine große Raum 35 qm, aber jetzt sind es 47 Kinder geworden, und er ist definitiv wieder zu klein …

Ich habe erstmal eine Wandleiste bestellt, mit Haken für 47 Täschchen, und eine lange Bank, unter die 47 Paar Schühchen passen. Bei einem weißen Rentner, der hobbymäßig Holzarbeiten macht. Mittlerweile hat er noch drei größere Regale gezimmert, damit das Spielzeug nicht den Platz am Boden wegnimmt. Es sieht fast richtig wie ein europäischer Kindergarten aus, obwohl ich das eigentlich vermeiden wollte -.

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Ein in Deutschland von der AWO angefertigtes Alu-Schild, welches mir von lieben Spendern geschenkt wurde, ziert nun die Außenwand des Creches. Es ist gedacht als Erinnerung an Sister Beauty. Sie war Mitbegründerin des Oswathini-Creches Anfang 2014 und starb leider im März 2016 plötzlich im Alter von 76 Jahren. Sie fehlt mir sehr als Mentorin, Lehrerin und Freundin. Durch sie habe ich seit 2010 sehr schnell und sehr viel von ihrer Kultur gelernt, wodurch ich sicher so manches Fettnäpfchen überspringen konnte. Als ich das Schild ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter zeigte, haben beide geweint …

47 Kinder sind aber noch nicht das Ende: Es stehen schon weitere Kinder auf einer Warteliste. Zandile macht nächstes Jahr ihren Abschluss als Lehrerin für „Grade R“ (die erste Klasse), Margret ist jetzt ausgebildete Erzieherin und eine dritte nette Frau, Joyce, ist hinzugekommen. Sie kümmert sich um die Küchenarbeiten, so dass Margret und Zandile sich ganz den Kindern widmen können. Um optimal mit ihnen arbeiten zu können, müsste man sie eigentlich altersmäßig in verschiedene Räume aufteilen können. Dann könnte einer davon ein richtiger Klassenraum für die Erstklässler sein. Das hieße also: eine Erweiterung — !

Ein Anbau bzw. eine Erweiterung wäre die ideale Lösung. Wir brauchen keine Wasserleitung und kein Wasser beantragen, keinen Strom, keinen Zaun, keine Küche und keine Toiletten, sondern nur einen zusätzlichen Raum. Das müsste also auch wesentlich preiswerter werden.

Ich bin sehr zufrieden, wie der Creche läuft. Aber was die Vergrößerung betrifft, muss ich wiedermal Geduld haben, und hoffe auch weiterhin auf finanzielle Unterstützung aus meiner Heimat. Ohne diese Spenden wäre ein Anbau unmöglich. Aber für diese Menschen und mich würde es viel bedeuten…

Mitten in meine Überlegungen und Kalkulationen, ob eine Erweiterung finanziell durchführbar ist, bekomme ich von Deutschland eine E-Mail. Ich sollte den Verein Ekukhanyeni im Juli in einer Präsentation vorstellen. Es würde sich um eine soziale Aktion handeln, für die sich drei gemeinnützige Vereine aus drei verschiedenen Ländern bewerben können. Nur einer davon wird ausgewählt, der für Ende dieses Jahres eine beträchtliche Spendensumme in Aussicht gestellt bekommt.

Natürlich bin ich „mal eben“ nach Deutschland geflogen (vom privaten Konto natürlich ;-)), um meine Projekte zu präsentieren. Ich war sehr aufgeregt, habe mein Bestes gegeben – und habe tatsächlich den Zuschlag bekommen!!! Mehr kann ich zum jetzigen Zeitpunkt leider noch nicht dazu sagen – ich werde Ende dieses Jahres Näheres berichten! Meine Freude war jedenfalls riesengroß!

Für mich war das wieder mal ein Zeichen Gottes, dass ich am richtigen Ort das Richtige tue! Ganz mutig habe ich daraufhin im August mit einer Erweiterung in Oswathini begonnen. Es wird einen kleinen Neubau geben, gleich neben dem existierende Gebäude. Mein indischer Bauunternehmer Ritesh, den ich letztes Jahr beauftragt hatte, hat nun in der kurzen Zeit schon erstaunliches geleistet. Auch ihm macht es offensichtlich sehr viel Spaß, das Wachstum mitzuerleben und trägt mit seinen Arbeitern tatkräftig dazu bei, dass es schnell fertig wird. Wenn es so weitergeht können wir nächsten Monat vielleicht schon die ersten Räume benutzen!
 

Aber es gibt ja auch noch die anderen Tagesstätten:

In Kuyasa haben wir momentan nur 10 Kinder. Ms Zibuhla ist hier alleine mit einer Kochhilfe. Ekukhanyeni unterstützt sie auch privat mit Lebensmitteln und Strom. Ihre beiden Töchter studieren: Andile in Durban Landwirtschaft und Zinhle hat gerade im August ihr Studium abgeschlossen und ist nun Lehrerin für „Grade R“. Ihr Sohn, dessen schwangere Freundin 2015 grausam ermordet wurde, hat den Führerschein gemacht und ist nun Security Man in Durban und kann sich selbst versorgen.

In Ndundweni hat meine Betreuerin endlich eingesehen, dass sie Unterstützung braucht. Eine junge Frau, die selbst noch ein kleines Baby hat, hilft jetzt täglich, die mehr als 20 Kinder zu bekochen und zu betreuen. Es ist auch wesentlich sauberer geworden. Doch leider geht noch immer viel Spielzeug wie z.B. Scooter oder Schaukeln kaputt- deutlich mehr als in den anderen Creches. Aber die Kinder zeigen sie mir immer mit Begeisterung, wenn ich komme: „ It‘s broken, please repair!“ Aber mehr als gut zureden, erklären oder gar schimpfen kann ich nicht. Es ist ein wilder Ameisenhaufen mit ungezügeltem Temperament und viel Energie. Aber sie sind trotzdem liebenswert und es ist nicht hoffnungslos, dort irgendwann auch ein wenig Ruhe reinzubringen.

Gququma hat dieses Jahr rund 20 Kinder, die in einer großen aber recht unpersönlichen Gemeindehalle untergebracht sind. Liebevoll umsorgt, und das ist wichtiger, werden sie von Sarosia und ihrer Tochter Rosi, die auch ihr fünfjähriges Kind mitbringt. An einem Morgen im April empfängt mich die Mutter in Tränen aufgelöst, da diese Tochter mit 29 Jahren an Elefantities in der Nacht ganz plötzlich verstorben ist. Sie war zwar recht beleibt (auf einem Video ist sie zu sehen), was aber hier, bei der schlechten Ernährungsweise, nichts ungewöhnliches ist. Kurzerhand habe ich den Creche für 4 Wochen geschlossen (ein Teil davon waren Osterferien). Sarosia sollte selbst entscheiden, wann sie wieder bereit war, weiterzumachen. Es ist sehr traurig und wir haben lange darüber gesprochen. Die Beerdigung erfolgte auf dem kleinen Grundstück bei ihrem Rundhaus. Es waren, wie immer bei Beerdigungen, sehr viele Menschen anwesend, besonders weil es dann umsonst zu essen gibt… Mit ca. 1000 Rand für Lebensmittel etc. habe ich ihr geholfen. Seit Mitte Mai ist nun wieder geöffnet und eine junge Frau hilft ihr erst mal.

So habe ich in meinen Creches im Moment insgesamt über 100 Kinder, die täglich ein Frühstück aus Cornflakes oder Porrige und ein warmes Mittagessen bekommen. Äpfel, Bananen oder Orangen gibt es immer frisch, wenn ich die einzelnen Creches besuche. Das kaufen sie nicht, denn das macht ja nicht satt und ist teuer – .

Wenn ich in den ländlichen Gegenden unterwegs bin, verteile ich auch Obst an die Kinder, die in der Gegend leben. Sie kennen mein Auto schon, kommen mir entgegenlaufen und winken mir fröhlich zu, in der Hoffnung, dass es was gibt – .
 

Ja, last but not least, ganz wichtig, sind hier die Studenten, die Ekukhanyeni unterstützt, soweit es möglich ist. Das sind junge Leute, die ein gutes Abitur geschafft haben, in sehr ländlichen Gegenden oder Slums wohnen und aus Geldmangel keine Möglichkeit haben zu studieren oder auch nur einen Job zu bekommen. So wie die neue Studentin hier auf dem Foto, die bei ihrer Oma und 4 Nichten und Neffen in ärmsten Verhältnissen lebt. Vor allem die Transportkosten oder die Miete für ein Zimmer können sie nicht finanzieren, sie sind meist höher als die Studiengebühren. Und essen müssen sie ja auch noch.

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Wir unterstützen derzeit neun Studenten in unterschiedlichen Phasen ihres Studiums. Erst kürzlich hat wieder eine von ihnen ihren Abschluss als Computer Clerk gemacht. Jeder Abschluss ist hier eine große feierliche Angelegenheit.

Im Moment kann ich jedoch keinen weiteren Studenten mehr annehmen. Die Kosten dafür belaufen sich monatlich zwischen umgerechnet 50 und max 200 Euro. Einige Studenten sind hier im Blog zu sehen und man sieht dort auch aus welchen Verhältnissen sie kommen… Sie schreiben herzzerreißende Bittbriefe und ich überprüfe natürlich den Wahrheitsgehalt jedes einzelnen. Das beansprucht sehr viel Zeit und Fahrerei und dafür bleiben dann meistens nur die Wochenenden. Das muß ich mir als Selbstschutz aber wieder, so weit wie eben möglich, abgewöhnen. Schließlich möchte ich diese Tätigkeit, so Gott will, noch einige Jahre ausführen, und dafür brauche ich auch mal eine Auszeit. Ich weiß, ich kann nicht allen helfen, aber es tut mir um jeden leid, dem ich jetzt absagen muss.

So, zuletzt muss ich noch von einem sehr traurigen Ereignis berichten, das Mitte August passiert ist. In meinem Tätigkeitsbereich Mount Elias sind zwei Transport-Taxis, das sind hier die VW-Busse, vollbeladen mit Schulkindern, frontal zusammengestoßen. 12 Kinder sind dabei gestorben und noch immer befinden sich einige in kritischem Zustand in Krankenhäusern. Es gabe eine große Beerdigung, die Trauer war unbeschreiblich… Für 2 Studenten habe ich die Transportkosten bezahlt, damit sie kommen konnte, weil Angehörige unter den Toten waren. Auch das gehört zum Alltag hier…

Mit einer derart traurigen Nachricht möchte ich aber nicht schließen, daher zum Abschluss noch etwas aufheiterndes: Am vergangenen Sonntag bin ich gebissen worden. Nein, nicht von einem Löwen oder einer schwarzen Mamba, von der mein Farmer sogar vor meinem Küchenfenster schon eine erschossen hat, nicht von den Kannibalen aus dem Nachbarort Escourt, (sogar die Siegener Zeitung hatte davon berichtet), sondern von einem ordinären Wachhund! 🙂 Es hat fürchterlich geblutet, nun hoffe ich nur, er hatte keine Tollwut…

So, nun seid ihr wieder auf dem neuesten Stand. Bis zum nächsten Mal an dieser Stelle, bleibt bitte alle gesund!

Vielen Dank für Eure treue Hilfe, ich weiß es sehr sehr zu schätzen, denn ohne die kann ich hier in
Afrika nichts bewirken!

Liebste Grüße aus dem vorfrühlingshaften Südafrika ins spätsommerliche und teils schon herbstliche Deutschland von Eurer

Helga Elisabeth Josche

 

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